Menu
Menü
X

Bericht von der Frühjahrstagung der Dekanatssynode

Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt im Mittelpunkt

Kirchliche Entscheidungen in gelebter Praxis: Die Mitglieder der Dekanatssynode Dreieich-Rodgau beteiligten sich aktiv an den Abstimmungen des Abends. Mit erhobenen Stimmkarten wurden nicht nur Tagesordnungspunkte bestätigt, sondern auch neue Vertreterinnen und Vertreter in zentrale Gremien gewählt. 53 von 74 stimmberechtigten Synodalen waren anwesend.

Mit der Vorstellung der „ForuM-Studie“ und einem Einblick in die Kinderschutzarbeit auf regionaler Ebene stand das Thema Prävention im Zentrum der Frühjahrssynode Dreieich-Rodgau. Zudem wurden mehrere Gremien neu besetzt, und Dekan Steffen Held sowie Präses Dr. Michael Grevel verabschiedeten den Seligenstädter Norbert Schweitzer aus verschiedenen Funktionen, etwa in der EKHN-Kirchensynode.

Wie Kirche Verantwortung übernehmen und Vertrauen stärken kann, war das zentrale Thema der zehnten Tagung der II. Synode des Evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau. Die Delegierten aus 27 evangelischen Kirchengemeinden zwischen Langen und Seligenstadt kamen am Freitagabend (28. März) in der Mühlheimer Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde zusammen, um über Konsequenzen aus der ForuM-Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu beraten. Dabei ging es insbesondere um den Umgang mit sexualisierter Gewalt und die Weiterentwicklung von Schutz- und Präventionsstrukturen.

ForuM-Studie: Systemisch hinsehen, Verantwortung übernehmen

Oberkirchenrätin Dr. Petra Knötzele, Leiterin der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt der EKHN, erläuterte die Hintergründe und Ergebnisse der ForuM-Studie, die im Januar 2024 veröffentlicht wurde. Die unabhängige Untersuchung beleuchtet strukturelle Bedingungen, die sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten in den Jahren 1945 bis 2020 begünstigt haben, und stellt zugleich Versäumnisse im Umgang mit Betroffenen fest. Ein zentrales Ergebnis: Im Durchschnitt dauert es 34 Jahre, bis sich Betroffene zu Wort melden – eine Zahl, die viele im Raum erschütterte.

Knötzele betonte, dass Täter*innen sich ihre Zugänge gezielt suchten – unabhängig von Ort oder Organisationsform. Problematisch seien im Untersuchungszeitraum unter anderem ein autoritäres Amtsverständnis und gerade in evangelischen Kontexten ein „ausgeprägtes Harmoniebedürfnis“, das Beschwerden oft unbewusst entwerte oder verdränge. Der oft familiäre Charakter kirchlicher Gemeinschaft könne ebenfalls zu gefährlichen Näheverhältnissen führen, wenn Rollenklarheit und Grenzen fehlten.

Die EKHN reagiert inzwischen mit klareren Strukturen: Neben einem neuen Disziplinargesetz mit stärkeren Betroffenenrechten und einer überarbeiteten Anerkennungsrichtlinie wird bis 2026 eine unabhängige Ombudsstelle außerhalb kirchlicher Strukturen eingerichtet. Auch an einer aktiven Erinnerungskultur unter Beteiligung Betroffener wird gearbeitet. In Anerkennung individuellen Leids ist die EKHN Teil einer überregionalen Anerkennungskommission, die unabhängig besetzt ist und bereits zahlreiche Entscheidungen getroffen hat.

Die Umsetzung dieser Maßnahmen begleitet die Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt, die seit Mai 2024 in erweiterter Form arbeitet. Neben juristischer und konzeptioneller Fachkompetenz arbeitet die hessen-nassauische Kirche intensiv mit Betroffenen zusammen. Ziel sei ein Bewusstseinswandel auf allen Ebenen kirchlichen Handelns, so die leitende Oberkirchenrätin: „Wir brauchen mehr als Regeln – wir brauchen eine neue Haltung im Umgang mit Nähe, Macht und Verantwortung.“

Dekanat Dreieich-Rodgau: Prävention konkret und verbindlich

Besonders eindrücklich war der Praxisbericht von Stefan Seib-Melk, Dekanatsjugendreferent und Kinderschutzbeauftragter. Er schilderte, wie das Dekanat das Thema Kinderschutz nicht nur theoretisch verankert, sondern auch in der Fläche umsetzt. Herzstück ist ein dekanatsweites Präventions- und Interventionskonzept, das klare Abläufe, Zuständigkeiten und Standards definiert. Eine umfassende Risikoanalyse hilft, schon vorab sensible Bereiche in Räumen, Angeboten und Gruppensituationen frühzeitig zu erkennen.

Seit 2022 wurden 121 Jugendleiter*innen geschult, so Seib-Melk – nicht nur in Theorie, sondern mit starkem Fokus auf Sensibilisierung und Praxis. Vier Mal jährlich bietet das Dekanat darüber hinaus Kinderschutzschulungen an, offen für alle, die in der Arbeit mit Menschen tätig sind. Themen sind u. a. „schlechte Geheimnisse“, Nähe und Distanz, der Umgang mit Macht und Sprache sowie Schutzmaßnahmen bei ehrenamtlicher Mitarbeit.

Seib-Melk betonte die Bedeutung eines offenen Umgangs im Team: „Es braucht klare Absprachen und eine Kultur, in der Verdachtsmomente nicht bagatellisiert, sondern ernst genommen werden.“ Im Ernstfall gilt: aus der Situation heraustreten, dokumentieren, melden – begleitet wird dieser Prozess durch Strukturen auf Dekanats- und Landeskirchenebene.

Ziel sei kein misstrauisches Klima, sondern eine „aufmerksame Normalität“. Denn: „Einen absoluten ‚Safe Space‘ vor übergriffigem Verhalten kann es nirgendwo geben, aber zumindest ein möglichst safer Space, in dem Menschen sich anvertrauen können, ernst genommen werden und Unterstützung erfahren.“

Anlaufstellen für Betroffene 

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) begrüßt es, wenn Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, sich ermutigt fühlen, sich bei der EKHN zu melden. Eine erste Anlaufstelle ist die Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt der EKHN, die erreichbar ist unter geschaeftsstelle@ekhn.de oder unter der Rufnummer (06151) 405-106. Ein anonymes Meldeportal gibt es unter der Webadresse ekhn.integrityline.app. Zudem gibt es zahlreiche unabhängige Anlaufstellen wie das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ oder die Initiativen „Wildwasser“ oder „Zartbitter e. V.“.

Wahlen und neue Aufgaben

Im Verlauf der Tagung wurden mehrere Positionen neu besetzt. Ursula Bahr (Seligenstadt) wurde in den Trägervorstand für Kindertagesstätten gewählt. Reiner Dieser (Klein-Auheim) übernimmt ein Mandat in der Verbandsvertretung des Regionalverwaltungsverbands Starkenburg-Ost, vertreten durch Brigitte Jahn-Lennig (Neu-Isenburg). Für den ausgeschiedenen Norbert Schweitzer rückt Reiner Dieser zudem in die EKHN-Synode nach, seine Vertretung übernimmt Bärbel Dörr aus Nieder-Roden. Weitere Wahlen betrafen den gemeindepädagogischen Ausschuss, in dem künftig Juliane Hohmann aus Steinheim mitarbeitet, sowie die Beauftragungen für den Deutschen Evangelischen Kirchentag (Gemeindepädagogin Mareike Breyer, Neu-Isenburg) und den Lektoren- und Prädikantendienst (Pfarrerin Susanne Winkler, Heusenstamm).

Verabschiedung von Norbert Schweitzer

Ein weiterer Programmpunkt war die Verabschiedung von Norbert Schweitzer aus seinem Amt als EKHN-Kirchensynodaler. Dekan Steffen Held würdigte das jahrzehntelange Engagement des Seligenstädters in kirchlichen Gremien, darunter die Kirchensynode der EKHN, der Verwaltungsverband Starkenburg-Ost sowie der Trägervorstand für Kindertagesstätten. Schweitzer bleibt der evangelischen Kirche in der Region als Dekanatssynodaler und Vorsitzender der Gesamtkirchengemeinde der Mainperlen weiterhin erhalten.

Zwischen Sturm und Stille – Impulse aus der Andacht

Zum Auftakt der Tagung hatte der Propst für Starkenburg, Stephan Arras, die Synode mit einer Andacht eröffnet. Er nahm das biblische Bild der „Stillung des Sturms“ auf, um die gegenwärtige Lage der Kirche zu deuten: Sinkende Mitgliedszahlen, schwindende Ressourcen, Veränderungen auf allen Ebenen – vieles wirke wie eine stürmische Überfahrt.

Doch statt in Aktionismus zu verfallen, forderte Arras dazu auf, innezuhalten, sich auf den Glauben zu besinnen und Gott bewusst ins kirchliche Handeln einzubeziehen. „Warum wecken wir Jesus so spät?“, fragte er – und erinnerte daran, dass es gerade in Zeiten des Umbruchs auch Phasen der Ruhe brauche. „Diese Momente sind es, in denen wir Kraft schöpfen und unsere Gemeinschaft feiern können.“

Kirchen als Orte von Glaube, Bildung und Kultur

Zu Beginn der Tagung hatte Mühlheims Bürgermeister Dr. Alexander Krey ein Grußwort an die Synode gerichtet. Er betonte die gute Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kirchen und würdigte die Rolle der Kirchengemeinden als Orte des Glaubens, der Bildung und der kulturellen Teilhabe. Besonders hob er gemeinsame Projekte wie das ökumenische Friedensgebet, die Kita-Arbeit oder musikalische Veranstaltungen hervor. Kirche sei – gerade in herausfordernden Zeiten – ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Zusammenhalts, so Krey.


top